Schaulustige und Krisenjunkies sehen sich derzeit verwöhnt wie schon lange nicht mehr. Für die tägliche Ration Hiobsbotschaften genügt bereits ein flüchtiger Blick durchs Fenster eines Zeitungskiosk: Ölpreise, globale Erwärmung, Tibet, Myanmar, China, Nahost – sind wir mal ehrlich, ein Sommerloch täte der Welt momentan verdammt gut.
Um Deutschland ist es ruhig geworden. Die Naturgewalten in Fernost und das Gezänk ums Weiße Haus stechen Diätenerhöhung und Reformstau im Kampf um freie Zeilen mit Leichtigkeit aus. „Spektakel bevorzugt,“ lautet es aus den Chefetagen der Medien. Am Rande dieses ungleichen Kampfes steht Norbert Walter. Mit Nachdruck buhlt der Chefökonom der Deutschen Bank um das Gehör seiner Landsleute. Auf eine abenteuerliche Expedition gen Zukunft möchte er sie einschwören. Nur schade, dass ihm keiner zuhört.
Walters Zukunftsstudie „Deutschland im Jahr 2020 – Neue Herausforderungen für ein Land auf Expedition“ generierte bislang ungleich mehr Medienaufmerksamkeit als der letzte Schnupfen von Knut. Ein Missstand, den clear-cut global mit diesem Beitrag zu korrigieren versucht.
„Wir sehen uns mit neuen Herausforderungen konfrontiert“, „internationale Konkurrenz“, „neue Wege gehen“ – kaum eine Nachrichtensendung kommt heute noch ohne diese O-Töne aus. Deutschland steht augenscheinlich am Scheideweg. Unsere global vernetze Welt erfordert neues Denken und Handeln. Doch was bedeutet das? Wohin führt die Reise?
Mit ihrer Studie „Deutschland 2020“ wagt Deutsche Bank Research (DBR) einen Blick auf das Deutschland von morgen. Ungeachtet der Sorge um den Dauerpatienten deutsche Wirtschaft, beschreibt die Analyse eine Langzeitgenesung in Richtung Wissensökonomie. Hochqualifizierte Arbeitskräfte, Innovationen en masse, ein boomender Bildungsmarkt – all dies soll Deutschland im globalen Wettbewerb nicht nur mitspielen, sondern führen lassen. Schöne Aussichten, doch wo muss angepackt werden, um das Land auf seine „Expedition 2020“ zu entsenden? Und wer verspricht, dass Strukturwandel den gewünschten Erfolgt bringt?
Projektwirtschaft als Modell der Zukunft
Walters Team errechnete bei seiner Untersuchung unterschiedliche Zukunftsszenarien, die das Leben in Deutschland im Jahr 2020 beschreiben. Je nachdem, wie sehr Brüssel und Berlin reformieren und wie offen und kooperativ sich Wirtschaft und Bürger zeigen, werden die Teutonen der Globalisierung entweder die Zugbrücke vor der Nase hochziehen oder die pole position im globalen Wettbewerb beanspruchen. Letzteres sei jedoch nur mit viel Reformeifer und wirtschaftlichem Umdenken möglich, so Walter. Konkret bedeutet das eine Abkehr von isolierten, unflexiblen Firmimperien, hin zur Projektwirtschaft. Die Zukunft verheißt Gutes für public-private partnerships (Kooperation zwischen Wirtschaft und Politik) und Projekte wie das Toll Collect-System (welches mittlerweile bestens funktioniert, Vermarktung bleibt jedoch mangelhaft).
Projekte wie diese sehen vor, dass Fachleute aus dem Privatsektor mit Akademikern und Regierungen gezielt zusammentreffen und Wissen teilen. Nur so können kluge Köpfe ihre innovative Dienstleitungen und Produkte schneller entwickeln und effektiver vermarkten. Es bedarf keiner besonderen Weitsicht um zu verstehen, dass derart flexible Projekte nicht nur drastischen Bürokratieabbau, sondern auch den endgültigen Einstieg in die Leistungsgesellschaft erfordern.
Lernen, lernen, lernen
Fachlich hochqualifiziert sein ist heute bereits ein Muss. Wer jedoch vermeiden möchte, morgen unter die Outsourcing-Räder zu kommen, sollte sich tunlichst nach Fortbildungen umschauen. Die Halbwertzeit von Wissen schrumpft. Mehr und mehr Fachidioten in hohen Positionen werden (erfreulicherweise) durch Allrounder ersetzt. Verstehen tun das jedoch anscheinend die Wenigsten. Eine Eurostat-Umfrage ergab, dass aktuell gerade mal acht Prozent der Deutschen motiviert seien, ein Leben lang zu lernen (vgl. Schweden 32 Prozent). Zu wenig, wenn nicht gar unwürdig für das selbsternannte „Land der Ideen“.
Fortbildungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Die gesamte deutsche Bildungslandschaft steht vor dem größten (Sinnes-)Wandel seit der Humboldt-Revolution. Walter ist überzeugt, dass die was-nichts-kostet-ist-auch-nichts-wert Attitüde passé ist und Ansehen und Marktwert von Bildung in den kommenden Jahren steigen werden. Das boomartige Wachstum von Privatschulen und –unis sei ein Vorbote dessen, was noch kommt, so Walter. Staatliche Bildungseinrichtungen werden ihren privaten Konkurrenten den Kampf ansagen und ihre Stärken offensiv anpreisen. Am Ende profitieren die Studierenden, denen die Uni als Dienstleiter entgegentritt; anstatt der berüchtigten Beamtenfestung.
Bildung wird der Schlüssel zum sozialen Aufstieg sein. Sie wird der Mittelklasse als Karriereleiter dienen aber auch vor sozialem Abstieg schützen. Für Kleinverdiener brechen indessen harte Zeiten an. Sie sind aufgrund unzureichender Bildung und fehlender finanzieller Mittel von kostspieligen Aus- und Fortbildungen und somit von der Wissensökonomie ausgeschlossen. Und selbst diejenigen, die aufgegeben haben, erhalten in Zukunft nichts mehr für lau. Deutsche Bank Research schlägt vor, dass Vater Staat Arbeitslosengeld nur noch gegen Sozialdienste zahlt.
Amerikanische Verhältnisse?
Was zunächst nach Marktwirtschaft made in USA klingt, hat bei näherer Betrachtung mehr mit dem aktuellen Deutschen Modell gemein, als vermutet. JA, Arbeitnehmer werden härter und länger für ihr Geld arbeiten müssen. JA, Arbeitsplätze werden weiterhin ins Ausland verlagert. Nichtsdestotrotz, gerade WEIL die Studie Unangenehmes zur Sprache bringt und Probleme direkt anspricht, verdient sie unser Gehör. Die Alterung der Bevölkerung ist unbestritten. Das Gleiche gilt für die wachsende Konkurrenz aus den BRIC-Staaten. Es stellt sich die Frage: Wie kann Deutschland seinen Wohlstand erhalten?
Entfesselter Kapitalismus und anything goes wäre der falsche Ansatz (ein solches Szenario hat die DBR Studie untersucht und für unwahrscheinlich befunden). Deutsche Bank Research plädiert für eine sozial durchlässige Leistungsgesellschaft, die sich ihrer Stärken bewusst ist. Eine Vielzahl von Stipendien sollen den Zugang zu höherer Bildung vereinfachen, Arbeitslose können über soziales Engagement wie Altenpflege leichter in die Arbeitswelt zurückfinden.
Darüber hinaus lassen Nischenprodukte Gutes verheißen. Hierbei stehen Deutschlands Senioren im Vordergrund. Anstatt über Generationsverträge zu maulen, sollten sich Unternehmer von den Bedürfnissen unserer betagten Mitmenschen inspirieren lassen. Prothesen, Haushaltshilfen, Seniorenbildung – ein schlummernder Riese wartet darauf geweckt und weltweit vermarktet zu werden. Grosses Potential sieht Walter auch in der Molekularbiologie und, man höre und staune, Bildung. Deutschlands exzellenter Ruf als Premiumexporteur wird die Vermarktung in jedem Fall erleichtern.
Unternehmen verweigern soziale Verantwortung
Der Optimismus mit dem „Deutschland 2020“ voranprescht, ist ansteckend. Und auch die packen-wir’s-an Mentalität der Studie kann Deutschland sicherlich nicht schaden. Doch was, wenn die Leistungsgesellschaft mehr schadet aus nutzt? DBR räumt gesellschaftliche Folgen ein: Die Kluft zwischen arm und reich wird sich deutlich ausweiten. Was danach jedoch folgt, ist freche Schönrederei. Das Entstehen einer neuen underclass, einer Gruppierung derer, die sich und andere aufgegeben haben und Spannungen erzeugt, wird nur indirekt erwähnt. Mangelgesellschaften sind aber Konfliktgesellschaften, selbst wenn nur ein Teil der Bevölkerung verarmt.
Bewusst ließ die Studie Kriminalität außen vor, wohl wissend, dass „Expedition Deutschland“ die innere Sicherheit gefährdet. Die Gesellschaft müsse selbst Wege finden, mit diesen Spannungen fertig zu werden, heißt es in der Schlussbetrachtung. Aufbauend auf die vorhergegangene Aufforderung zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Staat und Unternehmen ist dies eine ungeheure Anmaßung. Gerade im Kampf gegen Kriminalität und Chancenungleichheit darf sich der Privatsektor nicht aus der Verantwortung ziehen. Es kann nicht im Interesse eines Unternehmers sein, in ein krisengeschütteltes Land zu investieren. Das gilt besonders für Investoren aus dem Ausland. Die Wirtschaft muss sozial aktiver werden. Public private partnerships dürfen nicht nur aus Profitgier entstehen. Unternehmen, die sich am Pool hochqualifizierter Arbeitskräfte bedienen, sollten in die Verantwortung genommen werden und mehr junge Menschen mit Stipendien unterstützen.
Norbert Walter hat Recht. Es ist Zeit, die Weichen für morgen zu stellen. Doch wer nehmen will, der muss auch geben.

